Shades of Grey – Traumata und Realität

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Christian Grey, fiktiver Charakter oder Sinnbild einer ganzen Bewegung? Verwahrlosung, Gewalt und Missbrauch entfacht Diskussion.

Neben der Handlung, und der Verfilmung von „50 Shades of Grey", rücken schon seit längerer Zeit auch Interpretationen und Analysen zur Kindheit des Protagonisten in den Fokus. Geschildert wird hier eine zerrüttete Kindheit, die geprägt war von Gewalt, Verwahrlosung, Vernachlässigung und sexuellem Missbrauch.

 

Also kommen wohl auch unausweichlich einige Fragestellungen auf Leser, Fans, und Kritiker zu: Ist es richtig, diese ernsten Themen mit einem solchen Medienphänomen aufzugreifen? Werden diese Themen hier nicht heruntergespielt, und sogar klein geredet? Und ist es ein richtiges Signal, BDSM als Sammelbecken psychisch auffälliger Menschen darzustellen?

 

Gut, versuchen wir mal zu entwirren. Schon lang hält sich hartnäckig die These, dass BDSM krank ist, und auf ein schlechtes psychisches Gleichgewicht zurückzuführen sei. Da gibt es die einen die sagen, es hat mit Missbrauch in der Kindheit zu tun. Dann gibt es welche die sagen, dass die Dominanten ohnehin alle pathologische Narzissten sind. Dann sind noch jene die BDSM insgesamt nur als einen einzigen großen Kompensations-Mechanismus betrachten. Und schlussendlich gibt es noch jene die sagen, es habe doch wohl mehrere Gründe. Fragt man Freunde des SM, wird wohl der Großteil nichts von alle dem bei sich finden. Was wiederum ganz gut zur allerletzten These passt, die seien sich ihrer Krankheit ja nicht mal bewusst. „Das Schlimmste daran für irre gehalten zu werden ist, dass dir keiner glaubt wenn du sagst du bist nicht irre." Das trifft es wohl ganz gut.

 

Die Feuilletons und Online-Magazine laufen nun heiß. Auch Fachleute aus den Gebieten BDSM und Psychologen steigen in die Diskussion ein. Doch wozu eigentlich die ganze Aufregung?

BDSM – Liebhaber sind doch nicht mehr oder weniger krank wie Kunden der Apotheker- und Ärztebank, Fitnessstudio-Besucher, Justiziare, Bauarbeiter, Vertriebler, Theologen, Bürokaufleute,Telefonisten, Hotelfachangestellte, und eigentlich alle anderen Gesellschafts- und Berufsstände. Denn aus allen Bereichen kommen doch schlussendlich jene „Perverse", die sich heimlich in dunklen Kellerchen treffen. So ist die Szene dem Grunde nach erstmal nur ein Querschnitt der Gesellschaft. Soweit so gut. Wenn sich nun also die Sonderlinge aus allen Schichten in einer Szene tummeln, könnte man ja erst einmal davon ausgehen, dass es sich bei der BDSM-Szene um einen großen Psycho-Topf handle.

 

Aber haben wir da nicht was vergessen? Richtig, Differenzierung. Müsste man denn dann nicht auch erstmal vom „perversen Anteil" der angeführten „Stände" sprechen? Aber kein Mensch hätte Lust sich auf prozentuale Minderheiten einzelner Berufsstände zu stürzen. Wie würden denn solche Schlagzeilen auch klingen: „Berlin: Bundesamt für Statistik entlarvt 10,3 % der Staatsangestellten, die eine perverse und individuelle Sexualität haben." Das ist nicht greifbar, nicht verwertbar. Also ist es eine logische Konsequenz, dass Medien, Gesellschaftsnormen und Kataloge, schwer greifbaren Dingen einen Namen geben. Sie kategorisieren. Fortan wird nur noch dieses auserkorene Synonym als Prellbock und Sammelstätte herhalten.

 

Also, sind denn jetzt nun eigentlich die, oben fiktiv genannten, 10,3 % krank? Ganz sicher sind sie das. Zu genau dem gleichen Anteil, wie die verbleibenden 89,7 % ebenso krank sind. Psychische Defizite, Traumata, und Lebensereignisse, führen leider zu den vielfältigsten behandlungswürdigen Symptomen. Und dann kommen auch schon Worte wie Kompensation und Verdrängung ins Spiel. Erziehung, Erfahrung, jedes kleinere, oder auch große, traumatische Ereignis, prägt den Menschen auf irgendeine Art und Weise. Aktio-Reaktio. Wenn jetzt also die Hälfte unserer 10,3 % auf BDSM als Kompensationsinstrumentarium zurückgreift, und die Hälfte unserer 89,7 % auf andere ungesunde Weise ihr Verhalten kompensiert: Wo sind dann nun eigentlich mehr Kranke? Dem aufmerksamen und Diskurs-suchenden Leser wird die Krux nicht entgangen sein.

 

Die Frage die stehen bleibt ist, ob denn BDSM nun krank ist. Und versprochen, dann kommen wir auch wieder dazu, was das ganze nun eigentlich mit Shades of Grey zu tun hat.

 

Kurzum, die Frage können wir natürlich nicht ansatzweise befriedigend beantworten. Dazu gibt es zahlreiche psychologische Studien, Doktorarbeiten und Abhandlungen. Aber selbst hier herrscht nicht immer Einigkeit. Da gibt es Heerscharen von Psychologen und Therapeuten, die SM als Teufelszeug abtun. Christian Grey würden Sie wohl in Kunsttherapie, Einzelgesprächen und beim Musizieren das Vergangene aufarbeiten lassen. Dann folgt noch eine Verhaltenstherapie um das selbstreflektierende, neu erlernte, Verhaltensmuster in die Persönlichkeit zu integrieren und zu festigen. Damit er sich den geraubten Selbstwert nicht länger darüber holt, der armen Ana den Hintern zu versohlen. Doch dann gibt es da noch die wenigen Fachleute, die andere Meinung sind. Einige Ansätze gehen dahin, dass BDSM ganz klar in einigen Fällen Kompensation ist, aber Kompensation dem Grunde nach für die Seele einen Nutzen zu haben scheint.

 

Selbstverständlich gibt es Narzissten. Natürlich Depressionen, Essstörungen und Borderline-Persönlichkeiten. Ja, all das gibt es. Auch in der Szene, so wie leider in der ganzen Gesellschaft. Und allgemein sind wohl all diese, und auch ähnliche Krankheitsbilder, so man sie so nennen mag, auf völlig individuelle Ursachen zurückzuführen. Und bei SoG hallt das Echo, mit dem Traumata des Christian Grey werde in Buch und Film zu leger umgegangen. Hat sich irgendwer über das animierende und zudem schlecht beleuchtete Selbstverletzungsverhalten der „Secretary" echauffiert? Hat irgendjemand angeprangert, dass in manch anderen Filmen die einzig richtige Trauma-Bewältigung Selbstjustiz zu sein scheint? Nein. Aber hier kann man anscheinend die Vorwurfs-Keule raus holen. Wer keine Lust auf einen fiktiven Film hat, oder wem die psychischen Hintergründe zu oberflächlich sind, dem empfehlen wir da gern einfach andere, anspruchsvollere Filme zum Thema Traumata zu schauen. Zur Allgemeinbildung. Wie diesen hier zum Beispiel: 9 Leben.

 

Shades of Grey spricht einen Umstand an, den es nun einmal gibt. Einen Umstand der auch nicht weg zu reden ist. Einem fiktiven Charakter wird eine Lebensgeschichte eingehaucht. Schlussendlich ist es vielleicht sogar ein Beleg dafür, dass hier im Rahmen der Buch-Entstehung sogar in mehrere Richtungen recherchiert wurde. Missbrauch, Gewalt und mangelnde Wertschätzung. Und tragischerweise finden sich innerhalb der BDSM-Szene, aber eben auch außerhalb, Menschen die hier autobiografisch mitfühlen.

 

Gibt Shades of Grey nun deswegen ein falsches Signal? Wir denken nicht, es erzählt eine Geschichte. Eine Geschichte mit Hintergründen, die man nun mal in Einzelfällen auch bei praktizierenden SM'lern so oder so ähnlich finden würde. Wenn man sie denn finden wollen muss. Und ganz sicher würden so manche reale SM-Beziehungen noch eine Vielzahl an Abgründen und Besonderheiten mehr auftun. Aber darüber spricht man nur selten. Das ist nicht im Fokus der Öffentlichkeit. Das ist kein mediales Ereignis. Das ist nur einer der Rucksäcke, wie in jeder einzelne unterschiedlich gefüllt zu tragen hat.

 

Und wir konnten bisher mindestens genau so viele lebenslustige und offenbar „gesunde" SM'ler kennenlernen, wie eben auch verhaltensoriginelle Zeitgenossen.

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